Meliorismus und Job Crafting

🗄️ Fundament | ⏱️ 15 Minuten | ✒️ Uta Menges

Inhalt
• Was bedeutet Meliorismus?
• Meliorismus im Kontrast: Zwischen Optimismus und Pessimismus
• Die drei Kerngedanken des Meliorismus
• Meliorismus als Mindset
• Meliorismus im Kontext von Job Crafting
• Was bedeutet das für die Praxis?
• Fazit

 

Was bedeutet Meliorismus?

Wie Menschen ihre Arbeit erleben, hängt nicht nur von äußeren Bedingungen ab, sondern auch von der inneren Haltung, mit der sie ihr berufliches Umfeld betrachten. Die Frage, ob Veränderung möglich und sinnvoll ist, stellt sich dabei lange vor dem ersten konkreten Schritt. Eine philosophische Tradition, die genau hier ansetzt, ist der Meliorismus, ein Konzept, das in der Arbeits- und Organisationspsychologie bisher wenig Beachtung gefunden hat, aber für das Verständnis von Job Crafting besonders aufschlussreich ist.

Der Begriff leitet sich vom lateinischen melior ab, was so viel bedeutet wie „besser". Meliorismus ist eine philosophische Überzeugung, die besagt, dass die Welt durch menschliche Anstrengungen und gezieltes Handeln verbessert werden kann.

Meliorismus beschreibt die Überzeugung, dass Fortschritt weder automatisch eintritt noch grundsätzlich unmöglich ist, sondern durch aktives menschliches Handeln erreicht werden kann.

Das Konzept entstand im späten 19. Jahrhunderts. Es wurde zunächst vom Mathematiker und Philosophen Charles Sanders Peirce geprägt und später vom Psychologen und Philosophen William James ausgearbeitet. In seinem Werk Pragmatism (1907) beschrieb James den Meliorismus als realistische Mittelposition: Die Rettung der Welt sei weder Gewissheit noch Unmöglichkeit, sondern eine Wahrscheinlichkeit, abhängig davon, ob Menschen bereit sind, aktiv zu gestalten. [1]


Meliorismus im Kontrast: Pessimismus und Optimismus

Um Meliorismus zu verstehen, lohnt sich der Blick auf die beiden Positionen, von denen er sich abgrenzt. Der Experte für Positive Psychologie Nico Rose hat diese Unterscheidung anschaulich visualisiert [2] und beschreibt Meliorismus als pragmatische Mittelposition zwischen extremen Weltanschauungen:

  1. Pessimismus geht davon aus, dass die Welt grundsätzlich schlecht ist und sich nicht verbessern wird. Veränderungsbemühungen erscheinen sinnlos. Die Folge ist häufig Resignation oder erlernte Hilflosigkeit.

  2. Naiver Optimismus geht davon aus, dass sich alles von allein zum Guten wenden wird, ohne aktives Zutun. Diese Haltung kann ebenso lähmend wirken wie Pessimismus, weil sie Eigenverantwortung ausbremst.

  3. Meliorismus akzeptiert, dass die Welt unvollkommen ist und bleibt dennoch überzeugt, dass Verbesserung möglich ist. Entscheidend ist dabei: Verbesserung geschieht nicht von allein, sondern durch bewusstes Handeln.

Meliorismus ist damit keine passive Errettungsfantasie und kein blindes Vertrauen in den Fortschritt. Er ist eine aktive, verantwortungsbewusste Haltung gegenüber dem Möglichen.

 
Darstellung von 2 Gegensätzen: links pessimistischer Tunnelblick (alles wird schlimmer und ich kann nichts daran ändern) und rechts optimistischer Überschwang (Alles wird besser und ich kann alles möglich machen), in der Mitte realistische Haltung.

eigene Darstellung, angelehnt an [2]

 

Die drei Kerngedanken des Meliorismus

Aus dem melioristischen Denken lassen sich drei zentrale Überzeugungen ableiten, die für den beruflichen Kontext besonders relevant sind:

  1. Handlungsfähigkeit: Verbesserung ist möglich, aber nicht garantiert. Sie erfordert aktives Zutun, sie wartet nicht auf günstige Umstände oder externe Rettung.

  2. Realismus: Meliorismus akzeptiert Unvollkommenheit, ohne in Resignation zu verfallen. Probleme und Herausforderungen werden als Ausgangspunkt für Veränderung anerkannt, nicht als Beweis für Hoffnungslosigkeit.

  3. Verantwortung: Menschen tragen Mitverantwortung dafür, das Mögliche zu verbessern. Meliorismus ermutigt dazu, Gestaltende zu sein statt Getriebene.


Meliorismus als Mindset

Über seine philosophischen Wurzeln hinaus wird Meliorismus zunehmend als relevantes Mindset für Individuen und Organisationen diskutiert. Rose beschreibt ihn als eine Haltung, die erlernte Hilflosigkeit überwindet und Selbstwirksamkeit stärkt. Und zwar durch die Überzeugung, dass machbare Schritte echte Wirkung entfalten können. [2]

Diese Perspektive ist besonders relevant in Zeiten raschen Wandels. Wer melioristisch denkt, reagiert nicht nur auf Veränderungen, sondern gestaltet sie aktiv mit. Meliorismus wird in diesem Sinne als Zukunftskompetenz betrachtet. Es ist demnach die Fähigkeit, angesichts von Unsicherheit und Komplexität handlungsfähig zu bleiben und Verbesserungspotenziale aktiv zu nutzen. [3]

Dabei grenzt sich Meliorismus ausdrücklich von toxischer Positivität ab: Es geht nicht darum, Schwierigkeiten kleinzureden oder Leid zu ignorieren. Vielmehr geht es darum, trotz realer Unvollkommenheiten die Überzeugung aufrechtzuerhalten, dass Verbesserung möglich und erstrebenswert ist.


Meliorismus im Kontext von Job Crafting

Job Crafting, also das aktive, proaktive Gestalten der eigenen Arbeit durch Anpassungen an Aufgaben, Beziehungen und und anderen Jobaspekten, lässt sich als praktische Umsetzung einer melioristischen Grundhaltung verstehen.

Die konzeptionelle Verbindung ist direkt: Wrzesniewski und Dutton, die Begründerinnen des Job-Crafting-Konzepts, beschreiben Job Crafting als aktiven Prozess, durch den Mitarbeitende ihren Job so gestalten, dass er besser zu ihren Stärken, Werten und Bedürfnissen passt. [4] Diese Überzeugung, dass der eigene Job verbesserbar ist und dass diese Verbesserung durch eigenes Handeln erreichbar ist, ist im Kern melioristisch.

Die Entsprechungen lassen sich konkret benennen:

  • Melioristische Handlungsfähigkeit entspricht der Grundannahme des Job Craftings, dass Mitarbeitende aktiv Einfluss auf ihre Arbeit nehmen können auch ohne formale Macht oder strukturelle Veränderungen.

  • Melioristischer Realismus entspricht der nüchternen Ausgangslage im Job Crafting: Der Job ist nicht perfekt, und das wird auch nicht vollständig zu ändern sein, aber er ist gestaltbar.

  • Melioristische Verantwortung entspricht der Eigenverantwortung, die Job Crafting einfordert: Niemand anderes übernimmt die Gestaltung des eigenen Arbeitslebens.

Besonders deutlich wird die Verbindung beim Cognitive Crafting. Hier geschieht eine Neubewertung der eigenen Arbeit und eine bewussten Fokusverschiebung auf sinnstiftende Aspekte. Diese Form der aktiven Sinnkonstruktion setzt eine melioristische Überzeugung voraus: dass die eigene Perspektive auf die Arbeit veränderbar ist und dass diese Veränderung etwas bewirkt.


Was bedeutet das für die Praxis?

Für Coaches und Personalentwickler:innen eröffnet die melioristische Perspektive einen wertvollen Zugang zu Job Crafting, insbesondere bei Klient:innen oder Mitarbeitenden, die Veränderungsprozessen skeptisch gegenüberstehen.

Wer davon überzeugt ist, dass sich nichts verändern lässt, wird keine Energie in Job Crafting investieren. Die melioristische Haltung, die Überzeugung also, dass Verbesserung möglich und durch eigenes Handeln erreichbar ist, bildet damit eine wichtige Voraussetzung für die Wirksamkeit von Job Crafting. In der Praxis bedeutet das:

  1. Haltungsarbeit vor Methodenarbeit: Bevor konkrete Job-Crafting-Maßnahmen entwickelt werden, lohnt es sich zu prüfen, ob die nötige Grundüberzeugung vorhanden ist. Gezielte Reflexionsfragen können helfen: Glaube ich, dass meine Arbeit gestaltbar ist? Bin ich bereit, Verantwortung für Veränderungen zu übernehmen?

  2. Kleine Schritte als Einstieg: Meliorismus betont, dass Verbesserung nicht perfekt sein muss, sie muss nur möglich sein. Kleine, sichtbare Veränderungen im Job Crafting können helfen, melioristische Überzeugungen zu stärken und Selbstwirksamkeit aufzubauen.

  3. Organisationale Rahmenbedingungen: Meliorismus entfaltet seine Wirkung am besten in Umgebungen, die Gestaltungsspielräume ermöglichen. Führungskräfte und Organisationen können dazu beitragen, indem sie Eigeninitiative fördern und Veränderung als machbar sichtbar machen.

Mehr zur praktischen Anwendung von Job Crafting findet sich auf job-crafting.art.


Fazit

Meliorismus bietet einen philosophischen Rahmen, der die Grundannahmen des Job Craftings präzise beschreibt: Die Arbeit ist nicht perfekt, aber sie ist gestaltbar. Verbesserung ist möglich, aber sie erfordert aktives Handeln und die Überzeugung, dass dieses Handeln etwas bewirkt.

Für die Praxis von Job Crafting bedeutet das: Die melioristische Haltung ist keine nette Ergänzung, sondern eine wirksame Grundlage. Wer Menschen bei der proaktiven Gestaltung ihrer Arbeit begleitet, begleitet sie auch dabei, eine melioristische Überzeugung zu entwickeln und zu stärken.

 

Referenzen:
[1] James, W. (1907). Pragmatism: A New Name for Some Old Ways of Thinking. Longmans, Green and Co.
[2] Rose, N. (2020). Über Meliorismus: Welche Haltung wollen wir angesichts der Corona-Krise einnehmen? nicorose.de. https://nicorose.de/2020/04/10/ueber-meliorismus-welche-haltung-wollen-wir-angesichts-der-corona-krise-einnehmen/
[3] Tomorrow Tools. (2023). Meliorismus: nützliches Future Skill. https://www.tomorrow.tools/post/meliorismus-nützliches-future-skill
[4] Wrzesniewski, A., & Dutton, J. E. (2001). Crafting a job: Revisioning employees as active crafters of their work. Academy of Management Review, 26(2), 179–201.

 

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